"Die Sucht steckt in dir drin - wie ein Computerprogramm"

Betrunken oder unter Drogeneinfluss bei der Arbeit erscheinen - beim Wiedereingleiderungsprojekt für suchtkranke Menschen des Internationalen Bundes (IB) Mannheim ist das möglich. Die Projektleiter setzen darauf, den Arbeitern durch den Arbeitsalltag Struktur zu geben und sie in die Abstinenz zu begleiten. Zwei von ihnen schildern ihren Weg.



Gleich beim ersten Mal hab' ich mich verliebt. Ich war 27 und hatte schon ein paar Sachen ausprobiert, aber das hatte mir nie was gegeben. Dann bot mir ein Kumpel auf einer Party Heroin an, und ich dachte, probier' ich's halt mal. Ich hab' das total unterschätzt. Wie es sich angefühlt hat? Warm, weich, wunderschön. Man kriegt alles mit, schwebt aber irgendwie drüber.


Die "Liebe", von der Thomas L. (Name von der Redaktion geändert) hier erzählt, hielt neun Jahre. Inzwischen ist sie Vergangenheit: Der 46-Jährige nimmt am Methadonprogramm teil. Seit zehn Jahren bekommt er den Heroinersatz vom Arzt verabreicht, fünfmal pro Woche, immer morgens. Danach beginnt er seine Arbeit in der Schreinerei des Internationalen Bundes (IB) in Mannheim.


Ins Methadonprogramm kam ich durch meine damalige Freundin, die war auch auf Heroin und nahm mich mit. Wurde auch Zeit - ich hatte schon viel zu viel Geld in die Sucht gesteckt. Irgendwann wirst du ja nicht mehr high, wenn du Heroin nimmst, sondern nur noch normal. Bei mir hat es ungefähr ein Jahr gedauert, bis es so weit war. Am Anfang hab' ich noch große Pausen gemacht, ohne Probleme. Erst nach einer Trennung hab' ich angefangen, mir auch morgens vor der Arbeit eine Nase reinzuziehen. Als ich dann mal keine Kohle für Nachschub mehr hatte, kamen die Schmerzen. Brechreiz, Durchfall - ich wurde richtig krank. Kaum hatte ich neuen Stoff, war ich wieder gesund. Da war klar: Ich bin abhängig.


Dieter Heß hat schon viele solche Geschichten gehört, und er kennt sie auch aus eigener Erfahrung. Der 63-Jährige leitet eine der Fahrradwerkstätten beim IB. Vor neun Jahren kam er als Teilnehmer zu dem Projekt, heute ist er trockener Alkoholiker.


Ich war schon mit 15 süchtig. Dabei hatte ich eine behütete Kindheit. Ich hab' Abitur gemacht und in Heidelberg studiert, Germanistik und Geschichte. Ohne Abschluss allerdings, ich hab' zu viel Zeit im AStA (Allgemeiner Studentenausschuss, Anmerkung der Redaktion) verbracht. 1974 hab' ich dann beim Benz in Mannheim angefangen, um die Revolution zu den Arbeitern zu bringen. Ja, ich war ein richtiger Linker, aber im Grunde auch ein Spießbürger - ich hatte früh eine Familie und ein Reihenhaus. Anfang der 90er bekam ich dann zum ersten Mal Probleme im Betrieb wegen der Sucht. Ich hab' entgiftet und eine Langzeittherapie gemacht. Fünf Jahre war ich trocken, danach wurde es verrückt, ich war Drehtürpatient in den Kliniken. Der Betrieb hat das 'ne Weile mitgemacht, aber irgendwann war's vorbei, ich wurde arbeitslos. Zu WisSO (Wiedereingliederung suchtkranker Menschen - Stabilisierung - Orientierung) kam ich 2005, eine Ärztin gab mir den Tipp. Ich hab' hier den EDV-Raum mit aufgebaut, das war eine Chance, und ich hatte fest vor, trocken zu bleiben und Arbeit zu finden. Aber nach jahrzehntelangem Konsum steckt die Sucht in dir drin. Wie ein Computerprogramm, das im Hintergrund läuft, ohne dass man es mitkriegt.


In den Griff kriegen lässt sich die Sucht nur, wenn die Betroffenen ihre Einstellung ändern, davon sind die Anleiter beim IB überzeugt. "Im Kopf muss es ,Klick' machen, dann ist man auch nicht mehr verführbar", sagt Ulrike Brors, Leiterin des Bereichs "Beschäftigung" beim IB. Und "Klick" macht es meist nach einem Tiefpunkt, nach einer echten Krise. "Deshalb dürfen wir den Leuten nicht die Krise klauen. Sie müssen die schlimmen Folgen ihrer Sucht spüren."


Erst, wenn der Horror vor den Folgen die Erwartungen an den Rausch übersteigen, hört man auf. Ich musste viele Male an den Nordpol fahren, um zu kapieren, dass es da kalt ist. Aber irgendwann kam er, der Durchbruch. 2006 war das. Davor war ich immer ein Gruppenmuffel, aber seitdem gehe ich in eine Selbsthilfegruppe vom Kreuzbund. Mittlerweile leite ich sogar eine Gruppe. Ich gehe da auch hin, um das nüchterne Leben zu zelebrieren.


Heß gelang es, abstinent zu bleiben. Der IB bot ihm daraufhin an, die Leitung einer der Fahrradwerkstätten zu übernehmen. "Er ist absolut konsequent und ein Super-Mitarbeiter. Den würde ich nicht wieder gehen lassen", sagt Brors über den 63-Jährigen. Täglich arbeitet er mit Menschen zusammen, die ihn an seine Sucht erinnern. Verlockend ist das für ihn aber nicht, sagt er.


Mir kann nichts Besseres passieren, als Betrunkene zu sehen. Ich seh' dann mein altes Ich, und das ist Motivation hoch drei für mich. Es bestätigt mich darin, meinen Weg zu gehen.


So weit ist Thomas L. noch nicht. Wie viele Methadonabhängige kämpft er mit dem Problem des Beikonsums: Weil das Methadon keinen Rausch verursacht, greift er auch mal zur Flasche.


Das klingt jetzt blöd, aber angefangen hat das erst hier, beim IB. Die Kollegen haben morgens in der Straßenbahn Bier getrunken, da hab' ich eben mitgetrunken. Und bald gab's auch abends ein Bier. Ich hab' das jetzt aber wieder im Griff, trinke nur noch alkoholfreies Bier, jeden Morgen eins, das ist so ein Ritual. Nur letzte Woche, da hab' ich einen gesoffen. Mein Hund muss eingeschläfert werden, und den lieb' ich über alles.


Beikonsum ist in den Augen der IB-Mitarbeiter ein schwieriges Thema. "Wir glauben, dass Suchtkrankheit nur zum Stillstand gebracht werden kann, wenn die Leute abstinent sind", sagt Ulrike Brors. Auch von alkoholfreiem Bier rät sie ab. "Es sieht aus wie Bier, riecht wie Bier, schmeckt wie Bier - da ist der Weg zu Suchtmitteln nicht weit."


Bei mir war Alkohol ja nie die bevorzugte Droge. Wenn ich wieder Heroin genommen hätte, wär's schlimmer, denk' ich. Aber das will ich absolut nicht mehr. Mit den Leuten von damals hab' ich nichts mehr zu tun. Und ich will auch ganz vom Methadon weg. Ich gehe jetzt kontinuierlich runter mit der Dosis. Bis Weihnachten will ich damit fertig sein.


Wie schwierig es ist, mit dem Methadonprogramm aufzuhören, zeigt die Erfahrung des Leiters der Schreinerei, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte: Bislang habe es noch keiner der Beschäftigten geschafft. "Das heißt aber nicht, dass es unmöglich ist." Thomas L. sei zuverlässig, und er sei schon weit gekommen: "Am Anfang hatte er starke Tiefs, inzwischen ist er von 20 Einheiten runter auf zwei - das schaffen nur ganz wenige." Eine Langzeittherapie und eine externe Selbsthilfegruppe würde er ihm als nächste Schritte empfehlen.


Ich bin jetzt seit neun Monaten hier und kann noch eine Weile bleiben. Danach will ich mich als Hausmeister bewerben. Angst vor der Zeit nach dem IB hab' ich eigentlich nicht. Meine Familie gibt mir Rückhalt, und ich bin kreativ und weiß mich zu beschäftigen. Im Moment restauriere ich Dreiräder, eins davon kriegt meine Tochter. Ich bin auf jeden Fall dankbar für die Chance, die ich hier bekommen hab'.


Wie er künftig mit seiner Suchtkrankheit umgehen wird, ob er potenziellen Arbeitgebern davon erzählen wird, das weiß Thomas L. noch nicht. "Ich will meinen Chef erst mal mit Arbeit überzeugen", sagt er. Dieter Heß dagegen hat sich dafür entschieden, seine Geschichte offen zu erzählen.


Versteckspielen will ich nicht mehr, das machen Suchtkranke. Wenn mich jetzt jemand fragt, ob ich was trinken will, dann sag' ich: Nein danke, ich hab' in meinem Leben schon fünf Schwimmbäder ausgetrunken! Das Trockensein ist das höchste Gut, das ich besitze. Dafür gebe ich dann auch gern meine Erfahrungen weiter. Die Beschäftigung mit der Sucht, das ist Hilfe und Selbsthilfe zugleich. Ich bin schon hinter einigen Särgen hermarschiert. Wenn ich das nur bei einem verhindern kann, ist mir das schon genug.


Simone Sohl

Waldhofstraße 10

68169 Mannheim

 

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