Drei Wochen glücklich im Ried

Ehrenamt: Der Verein „Hilfe für Kinder aus Weißrussland“ organisiert seit 1991 Erholungsurlaube für Kinder aus der Umgebung von Tschernobyl

Stolz auf ihre Traditionen: Katja (re.) und die anderen Kinder aus Bragin führen beim Abschlussfest ihres Besuchs im hessischen Ried weißrussische Tänze vor.
Stolz auf ihre Traditionen: Katja (re.) und die anderen Kinder aus Bragin führen beim Abschlussfest ihres Besuchs im hessischen Ried weißrussische Tänze vor.

"So etwas gibt es bei uns zu Hause nicht", sagt die neunjährige Katja. Sie sagt es auf Russisch. Mit "so etwas" meint sie den Golfpark in Biblis und das Bürstädter Schwimmbad - die Ausflüge dorthin haben ihr bei dem Besuch im Ried am besten gefallen. Und mit "zu Hause" meint sie den Kreis Bragin in Weißrussland, der nur wenige Kilometer entfernt liegt von einem Ort, den bei uns fast jeder kennt: Tschernobyl.

 

 

Der Name des Kernkraftwerks steht für die Katastrophe, die sich 1986 ereignete. Als der Reaktor von Block vier explodierte, zog eine radioaktive Wolke über Europa hinweg. Bragin bekam am meisten ab. In Deutschland entstanden danach viele Hilfsvereine. "Hilfe für Kinder aus Weißrussland" ist einer von ihnen: Herbert Bär gründete ihn mit seiner Frau und ein paar Mitstreitern. "Wir wollten, dass die Hilfe ankommt, darum haben wir das selbst in die Hand genommen", erzählt der Bibliser.

Dass er ein Idealist ist, vielleicht auch ein Träumer, das sieht man dem 54-Jährigen schon an. Bär hat einen grauen Rauschebart, trägt eine orangerote Leinenhose, und in der Brusttasche steckt Tabak für Selbstgedrehte. Seine Worte wägt er sorgfältig ab. "Das Herz war größer als der Verstand", sagt der ehemalige Vorsitzende im Rückblick.

 

Ohne großes Vorwissen haben er und seine Mitstreiter sich damals ans Werk gemacht. 1991 fuhren sie zum ersten Mal nach Bragin. Bär wollte die Not dokumentieren, um hier für Spenden zu werben. "Aber Radioaktivität sieht man nicht, hört man nicht." Klar, er fuhr durch die Zone, sah Häuser mit vernagelten Fenstern. "Aber wie groß das Leid ist, erfährt man erst in Gesprächen.

Damals fehlte es in Bragin am Nötigsten: Sprit für die Fahrzeuge, Holzkohle zum Heizen, Kleidung, Medikamente. "Als wir wieder hier waren, haben wir als Erstes drei Pakete mit Arzneimitteln verschickt", erzählt Bär. Von da an hieß es für ihn ständig: Medikamente und Materialien von Apothekern und Pharmafirmen besorgen - und Speditionen für den Versand finden. "Wir haben so viel Unterstützung erhalten, das war einfach toll."

 

Schon 700 Kinder waren da

 

Die Erholungsurlaube für Kinder bilden die zweite Säule der Vereinsarbeit. Schon 1991 kam die erste Gruppe: Eine Hälfte wurde in Kröckelbach im Odenwald untergebracht, die andere im Kloster Maria Einsiedel bei Gernsheim. Für die Betreuung sorgten Vereinsmitglieder und Helfer.

 

Rund 700 Kinder hat "Hilfe für Weißrussland" seitdem nach Deutschland geholt - Kinder aus sozial schwachen Familien. Viele haben alleinerziehende Mütter, andere sind adoptiert oder wohnen im Heim. Unter den 19 Kindern, die diesmal dabei sind, ist ein Junge, der 13 Geschwister hat - die Reise nach Deutschland ist seine einzige Möglichkeit, mal Urlaub zu machen.

 

Hinzu kommt, dass die meisten Kinder aus Bragin unter einer Immunschwäche leiden. Die kleinen Gäste sind alle blass und auffallend dünn, viele haben Probleme mit Augen und Zähnen. Eine Folge der Strahlung? "Davon ist auszugehen", sagt Horst Traber (Bild), seit 2005 Vereinsvorsitzender. Beweisen lasse es sich aber nicht. "Das ist das Schwierige an der Radioaktivität." Kinder mit ansteckenden Krankheiten sind nicht dabei. "Die dürfen wir nicht einladen", erklärt Traber.

 

Während der Zeit im Ried werden die Kinder von Ärzten untersucht, drei haben diesmal eine Brille bekommen. Vor allem aber sind sie hier, um etwas zu erleben: Sie gehen schwimmen, unternehmen Ausflüge, besuchen Vereine wie die Hundefreunde Groß-Rohrheim. Und überall bekommen sie kleine Geschenke, Einladungen zum Essen - und viel Aufmerksamkeit. "Das tut ihnen richtig gut", sagt Olga Gordejenko. Die Lehrerin kommt aus einem Dorf in Bragin und ist schon zum zehnten Mal als Betreuerin dabei. Die Erholung sei den Kindern deutlich anzusehen: "Alle haben mindestens zwei Kilo zugenommen. Und: Sie sind fröhlich."

 

Auch sie empfindet die Zeit im Ried als Urlaub. Früher noch mehr als jetzt: Da waren sowohl die Kinder als auch die Betreuer an den Wochenenden bei Gastfamilien untergebracht. Die Gutbiers aus Biblis sind eine dieser Familien. "Ich war gerade schwanger, als die Katastrophe passiert ist", erzählt Annette Gutbier. "Als unser Sohn gesund zur Welt kam, waren wir so dankbar, dass wir was zurückgeben wollten."

 

Doch die Tage der "Hilfe für Weißrussland" scheinen gezählt: Bei der Mitgliederversammlung im Oktober wird sich Horst Traber nicht mehr zur Wahl stellen. Und mit ihm will auch der Rest des Vorstands zurücktreten. Finden sich keine Nachfolger - und danach sieht es momentan aus -, muss sich der Verein auflösen. Nach 23 Jahren.

 

Horst Traber hebt die Arme. "Wir werden alle älter, die Energie lässt nach, die Gesundheit macht nicht mehr mit", erklärt der 65-Jährige. Sicher, es gebe noch Bedarf. "Aber alles hat seine Zeit." Für die Jüngeren zähle Tschernobyl eben nicht mehr zu den dringendsten Problemen. Zudem wird das Kloster Maria Einsiedel bald saniert, der Verein könnte es erstmals nicht nutzen.

 

Und was sagt Herbert Bär zum drohenden Ende seines Vereins? Er wiegt den Kopf hin und her, bevor er antwortet. "Weißrussland wird nicht zusammenbrechen, nur weil wir nicht mehr helfen. Und die Freundschaften bleiben bestehen", sagt er. Der Verein habe vielen Kindern Hoffnung geben können, einige leben heute in Deutschland. "Ich sehe das so: Wir haben Samen gelegt, und viele sind aufgegangen."

 

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Simone Sohl

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