Flüchtlinge: Sechs Männer und eine Frau aus Somalia leben nun in städtischer Wohnung

Durch die Sahara nach Bürstadt

Hussam ist ein fröhlicher Mensch. Der 19-Jährige muss lachen, als er versucht zu erklären, wovon er in seiner Heimat in Nordsomalia gelebt hat: Mit dem Schubkarren hat er Dinge transportiert und verkauft. "Das gibt's hier nicht, oder?", fragt er. Als er über seine Familie spricht, ändert sich Hussams Gesichtsausdruck. Seine Großmutter ist auf der Flucht gestorben, "sie war zu alt". Seine Brüder sind in Somalia geblieben, aber er weiß nicht, wie es ihnen geht. Auch von seinem Vater hat er nichts mehr gehört. Der 19-Jährige rutscht unruhig hin und her. "Können wir bitte nicht mehr darüber reden?", fragt er. "Sonst kann ich heute Nacht wieder nicht schlafen."

Wohnen seit Mitte Januar in Bürstadt (v.l.): Mowliid, Abdiazaz, Abdirahim, Hussam und Awais.
Wohnen seit Mitte Januar in Bürstadt (v.l.): Mowliid, Abdiazaz, Abdirahim, Hussam und Awais.

Hussam ist einer der sieben somalischen Flüchtlinge, die Mitte Januar nach Bürstadt gekommen sind. Sechs Männer und eine Frau - darunter ein Ehepaar - sind in einer städtischen Wohnung an der Kläranlage untergebracht. Mit einer Fläche von 94 Quadratmetern ist die Wohnung großzügig geschnitten, zudem ist sie 2007 renoviert worden, wie Bürgermeisterin Bärbel Schader auf Nachfrage berichtet. "Sie liegt zwar etwas außerhalb, aber die Ausstattung ist gut, und wir mussten schließlich schnell was finden."

 

Den sieben Somali gefällt ihre Unterkunft, das betonen sie immer wieder. Die isolierte Lage stellt sie allerdings vor ein Problem. Viel Abwechslung gibt es hier für sie nicht. Und der Weg zum Einkaufszentrum lässt sich zwar durchaus zu Fuß zurücklegen. "Aber sie müssen ja erst mal wissen, wie sie dort hinkommen und wie sie einkaufen können", sagt Yusuf Nur. Der Lampertheimer holt die Neu-Bürstädter daher regelmäßig zum Einkaufen ab.

Hilfe gefragt

 

Die Bürstädter Flüchtlinge freuen sich über jeden, der Kontakt zu ihnen aufnehmen möchte.

 

Sie wollen gern Deutsch lernen und suchen Bürstädter, die ihnen dabei helfen wollen.

 

Außerdem wären sie dankbar für alles, was unterhält (Spiele, Fernseher, SAT-Receiver) und was wärmt (Jacken und warme Pullis).

 

Die Männer lieben Fußball und würden gern in einem Verein mittrainieren. Allerdings fehlt ihnen bisher die nötige Ausstattung und das Geld für Vereinsbeiträge.

 

Wer die Flüchtlinge kennenlernen oder unterstützen möchte, kann sich an die "SHM"-Redaktion wenden unter Telefon 06206/15 97 33.

 

 


Doch das ist nicht alles, was Nur macht. Der 31-Jährige, der 1990 selbst aus Somalia nach Deutschland kam, engagiert sich für Flüchtlinge: Er hilft bei der Suche nach Rechtsanwälten, bei der Vermittlung von Sprachkursen und bei der Organisation von Tiefkühltruhen, Fernsehern oder Spielen.

 

Mehr Betreuer benötigt

 

Wie bitter nötig Nurs Engagement ist, wird im Gespräch mit dem Zuständigen vom Kreis Bergstraße klar: Dessen Zeitplan sei so vollgepackt, dass er es nur alle zwei bis drei Wochen schaffe, bei den Bürstädter Flüchtlingen vorbeizuschauen. Weil der Kreis derzeit mehr Flüchtlinge als sonst unterbringen müsse, sei für intensivere Betreuung keine Zeit. "Die Leute hier wollen sich so gern integrieren, aber das muss eben auch organisiert werden", sagt Yusuf Nur. "Dafür müssten schnell mehr Betreuer eingestellt werden. Zusammen können wir das schaffen!"

 

Was als Erstes angegangen werden muss, ist laut Nur klar: "Das Allerwichtigste sind Sprachkurse." Die Kommunikation mit den Flüchtlingen ist tatsächlich nicht einfach: Sie sprechen Somali und nur ein paar Brocken Englisch. "Aber vielleicht findet sich ja jemand, der Lust hat, ihnen Deutsch beizubringen", sagt Yusuf Nur.

 

Und dann übersetzt er, was die Männer von Somalia erzählen, wo sich Soldaten und Milizen bekämpfen. "Du musst dich für eine Seite entscheiden", erklärt der 19-jährige Abdiazaz. Er hat sich verweigert, wollte ein normales Leben führen. "Aber das ist nicht möglich. Beide Seiten setzen dich unter Druck, du musst dich verstecken und gleichzeitig für deinen Lebensunterhalt sorgen." So ging es auch Abdirahim, mit 34 Jahren der Älteste in der Wohnung. Milizen und Soldaten zwangen den Kfz-Mechaniker, nach Feierabend unentgeltlich für sie zu arbeiten. "Und wenn ich mich geweigert habe, haben sie mich gefoltert", sagt er und reibt nervös die Hände aneinander. Auf seiner Wange prangt eine tiefe Narbe. "Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten. Der Schmerz zeigt dir, dass du fliehen musst."

 

Mit der Flucht aus Somalia war die schwere Zeit aber noch lange nicht beendet. Die sieben Flüchtlinge, die nun in Bürstadt wohnen, sind alle durch Libyen geflohen - zu Fuß. Drei Monate seien sie in der Sahara unterwegs gewesen, erzählen sie - dann hätten sie libysche Soldaten aufgesammelt, geschlagen und gefoltert, bis sie Lösegeld organisierten, um freizukommen.

 

Wie sie nach Deutschland gekommen sind, dazu wollen die Flüchtlinge nichts sagen, solange das Asylverfahren läuft. "Ich möchte hier bleiben und als Kfz-Mechaniker arbeiten", sagt Abdirahim, "aus Deutschland kommen so gute Autos!" Hussam und Mowliid, die beiden Jüngsten, haben noch keine Ausbildung. Aber dafür große Träume. "Ich würde gern Medizin studieren, dann könnte ich Menschen helfen", sagt Hussam. Und Mowliid? "Ich will Fußballspieler werden!" Die anderen nicken: "Er kann super spielen!" Gut, für eine Profikarriere ist es ein bisschen zu spät. "Aber vielleicht meldet sich ja ein Verein, bei dem sie trainieren können", sagt Yusuf Nur. "Das wär' toll."

Simone Sohl

Waldhofstraße 10

68169 Mannheim

 

mail@simonesohl.de