Ein Mann mit kühnen Ideen

Parteien: SPD-Chef Gabriel will Kanzlerkandidaten auch von Nicht-Mitgliedern wählen lassen / Sommertour durch Rheinland-Pfalz

Pünktlich zum Beginn der Schiffsreise nach Worms bricht die Sonne hinter den Wolken hervor. Die "MS Europa" legt an der Mannheimer Kurpfalzbrücke ab, an Bord mehrere Hundert Fahrgäste. Darunter ein braun gebrannter, entspannter Sigmar Gabriel. Der SPD-Chef könnte sich auf diesem Teil seiner Sommerreise auf dem Deck erholen. Doch er nutzt die Zeit, kühne Vorschläge für mehr Bürgerbeteiligung öffentlich zu machen und sich über Thilo Sarrazin zu ereifern. Gehört das alles etwa schon zur Vorbereitung auf eine Kanzlerkandidatur?

Die SPD Ludwigshafen hatte zu der "offenen" Schifffahrt eingeladen: Jeder war willkommen, nicht nur Genossen. Die Partei will zeigen, dass sie auch Nicht-Mitglieder einbinden will. Ein neues Konzept, von dem Gabriel überzeugt ist: "Die SPD muss sich organisatorisch und programmatisch öffnen." Dabei denkt er an mehr als an lustige Schifffahrten. Der Parteichef spricht sich für eine auch für Nichtmitglieder offene Vorwahl von Bundeskanzlerkandidaten aus. Was die Sozialisten in Frankreich für ihre nächste Präsidentschaftswahl planen, hält er für ein "ausgezeichnetes Verfahren". Das Problem: "Es gibt riesige Skepsis innerhalb der SPD." Bisher sei nur ein Drittel der Mitglieder dafür, die Kandidaten von allen Interessierten bestimmen zu lassen. Gabriel aber würde die Satzung gern dahingehend ändern lassen, sagte er in der Diskussionsrunde auf dem Schiff.

 

Gabriel als Kanzlerkandidat 2013?

 

Besonders interessant ist der Vorschlag, weil Gabriel selbst als möglicher nächster SPD-Kanzlerkandidat im Gespräch ist. Die Moderatorin der Schiffs-Diskussion fragte denn auch, ob er sich vorstellen könne, dass seine Anhänger vor der Bundestagswahl 2013 mit "Siggi wählen"-Buttons durch die Republik laufen. Doch Gabriel lässt sich nicht darauf ein. Es freue ihn aber, dass wieder über den nächsten Kanzlerkandidaten der SPD spekuliert werde: "Vor zehn Monaten hätte das nur Gelächter geerntet." Tatsächlich ist die K-Frage angesichts steigender Umfragewerte plötzlich interessant - und nicht wenige an der Basis vermuten, dass der SPD-Chef das Rennen machen könnte.

 

Ein begnadeter Rhetoriker ist er, schlagfertig, mit viel Fachwissen, das er locker aus dem Ärmel schütteln kann; nur seine Impulsivität macht ihm zuweilen Schwierigkeiten. Auf der Bootstour bekommt man das nur einmal zu spüren: als ein Mitglied des Ludwigshafener SPD-Migrationsbeirates den Parteichef auf Thilo Sarrazin anspricht. Dessen Aussagen über Migranten sorgen derzeit für Empörung. Gabriel wettert los: Er sei der Meinung, dass der Bundesbank-Vorstand "im Durchschnitt dümmer geworden ist, seit Sarrazin Mitglied ist".

 

Er wolle die Thesen zur Einwanderungspolitik, die Sarrazin in seinem neuen Buch aufstellt, genau prüfen lassen: Weist er Menschen aus anderen Ländern bestimmte Charaktereigenschaften zu? "Wenn ja, ist das eindeutig rassistisch", so Gabriel. Einige Aussagen von Sarrazin seien "sprachlich so was von gewalttätig", dass sie ein Nachdenken nicht ermöglichten. Gerade hat er sich so richtig in Rage geredet, da legt das Schiff in Worms an.

 

Dort will Gabriel Wahlkampfhilfe für den rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck leisten. Ganz im Sinne der neuen Offenheit findet auf dem Ludwigsplatz am Abend die erste öffentliche Landes-Parteiratssitzung unter freiem Himmel statt. Alle Interessierten können teilnehmen. Das kommt gut an: Rund 300 Menschen hören zu, als Gabriel und Beck sich beim Thema Bürgernähe gegenseitig Bälle zuspielen. Kurt Beck beweist wieder einmal, dass er nicht nur sprachlich nah bei den Menschen ist, während Gabriel mit spontanen Witzen für Lacher sorgt. Selbst beim heiklen Thema Rente mit 67 wird kein Protest laut. Es wirkt, als sei das Publikum dankbar für den Zeitaufschub.

 

Und so gibt es auch Applaus, als sich die beiden Parteigranden thematisch vom Klein-Klein der Tagespolitik lösen. Politik sei immer auch Abenteuer, sagt Gabriel. Wenn Willy Brandt noch lebte, würde er sich "mehr Mut von uns wünschen". Betrachtet man seine Vorschläge, scheint sich der SPD-Chef das bereits zu Herzen zu nehmen.

Simone Sohl

Waldhofstraße 10

68169 Mannheim

 

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