Ehrenamt: Gaby Weiß-Szpera begleitet Patienten auf ihrem letzten Lebensweg

„Es ist gut zu wissen, dass es sie gibt“

Unsicher. So fühlen sich viele, wenn sie einem todkranken Menschen gegenübersitzen. Darf ich nach der Krankheit fragen? Ist es unsensibel, den Tod anzusprechen? Anmaßend? Taktlos? Solche Fragen schwirren durch den Kopf - doch dann legt Anna B. (Name von der Redaktion geändert) los: Die Bobstädterin redet viel und laut, sie spricht über ihre Schmerzen und den Tod und darüber, dass es Hackbraten zu Mittag gibt, und, vor allem: Sie lacht. Plötzlich kann man Gaby Weiß-Szpera verstehen, wenn sie erzählt, wie erfüllend ihr Ehrenamt ist: Die 50-jährige Nordheimerin ist Hospizbegleiterin.

Wenn sich Gaby Weiß-Szpera (re.) mit ihrer Patientin trifft, sprechen sie oft über Alltägliches. Doch beide wissen: Wenn es ernst wird, ist die Hospizbegleiterin da. Um zu beraten, um die Angehörigen zu entlasten - oder einfach nur, um zuzuhören.
Wenn sich Gaby Weiß-Szpera (re.) mit ihrer Patientin trifft, sprechen sie oft über Alltägliches. Doch beide wissen: Wenn es ernst wird, ist die Hospizbegleiterin da. Um zu beraten, um die Angehörigen zu entlasten - oder einfach nur, um zuzuhören.

Anna B. stattet sie nur etwa alle fünf Wochen einen Besuch ab. Die 79-Jährige lebt mit nur einem Arm und einem Bein - eine bakterielle Infektion machte vor 19 Jahren die Amputationen erforderlich. "Ich hab' immer gesagt: Hauptsache, ich hab' keinen Krebs." Bis sie vor einem Jahr die Diagnose erhielt: Eierstockkrebs. Ihre Tumore sind nicht operabel. "Der Arzt meinte damals, ich könnte bald sterben", erzählt sie. Dann gluckst sie: "Und jetzt leb' ich immer noch!" Ihr Mann lächelt.

 

Zeit zum Kennenlernen

 

Wie krank sie ist, merkt man Anna B. nicht an. Ihre Wangen sind rosig, ihr Blick ist wach, sie macht viele Späße. Trotzdem hat sie sich beim Hospizdienst gemeldet - um Hilfe zu haben, wenn sich ihr Zustand verschlechtert. "Es ist gut, dass wir Zeit haben, um uns kennenzulernen", sagt Gaby Weiß-Szpera. "Dann weiß ich zum Beispiel, dass es hier um zwölf Mittagessen und um halb sechs Abendessen gibt." Anna B. nickt - und betont schnell, dass sie ihr Essen noch alleine kochen kann. "Nur Kartoffeln muss ich schälen", brummt ihr Mann. Anna B. kichert.

 

"Natürlich ist die Arbeit als Hospizhelferin nicht immer lustig", sagt Gaby Weiß-Szpera. "Wenn Menschen sterben, ist das traurig. Aber man kann die verbleibende Zeit nutzen, um sich auszutauschen. Das gibt beiden Seiten viel." Sie selbst habe sich dadurch verändert, sagt die 50-Jährige. Sie beschäftige sich nun mit Dingen, die sie früher als Zeitverschwendung abgetan habe. "Bewusster leben auf einer spirituellen Ebene, andere tiefer verstehen."

 

Dennoch hört sie immer wieder diesen einen Satz, wenn sie von ihrem Ehrenamt erzählt: "Ich könnte das nicht." Dabei wünscht sie sich, dass sich noch mehr Helfer melden - und dass der Umgang mit dem Sterben normaler wird. "Es wird schließlich nicht leichter, wenn wir den Tod totschweigen."

 

Die Nordheimerin erinnert sich noch genau an das erste Mal, als sie mit dem Tod eines fremden Menschen konfrontiert wurde: Mit ihren beiden Tibet-Terriern stattete sie den Bewohnern des Bibliser Altenheims Therapiebesuche ab. "Irgendwann sagte mir eine Frau: ,Ich glaube, ich lebe nicht mehr lange.' Ich war sprachlos, habe mich ängstlich und hilflos gefühlt."

 

Das wollte sie ändern - und so meldete sie sich bei der Hospiz-Initiative Ried. Gaby Weiß-Szpera entschied sich für die sechsmonatige Ausbildung zur Hospizbegleiterin. "Und die war superklasse." Sie lernte, sich ganz auf die Bedürfnisse der Kranken einzustellen. "Wenn es zum Beispiel bei einem Patienten total chaotisch aussieht, muss ich meinen Aufräumdrang unterdrücken", erläutert sie. Ihre wichtigste Aufgabe ist aber, für die Patienten und deren Familien dazusein. "Wenn sie über Alltägliches reden wollen, bin ich da. Und wenn sie über den Tod reden wollen, bin ich auch da." Das ist es auch, was Anna B. so schätzt. "Ich weiß, dass ich sie immer anrufen kann. Es ist gut zu wissen, dass es sie gibt", sagt die 79-Jährige.

 

Nicht alle Hospizbegleiter sind jederzeit erreichbar. Und nicht alle investieren so viel Zeit wie Gaby Weiß-Szpera. "Das kann jeder für sich selbst entscheiden", erklärt sie. Genau wie jeder für sich selbst herausfinden muss, wie er am besten abschalten kann. Der Nordheimerin gelingt das am besten, wenn sie mit ihren Hunden laufen geht.

 

Ein Hospizbegleiter müsse vor allem eines mitbringen, findet Gaby Weiß-Szpera: eine soziale Grundkompetenz. "Ich habe mich schon immer gern um andere gekümmert. Es fühlt sich gut an, gebraucht zu werden." Doch nicht immer hat sie das Gefühl, dass sie gebraucht wird. "Bei einer meiner Patientinnen im Altenheim hab' ich mich ständig gefragt, ob sie das überhaupt will, so unnahbar war sie. Und beim fünften Besuch hat sie dann doch gelacht." Hospizbegleiter werden eben nicht immer mit offenen Armen empfangen. Manchmal sind die Kranken zu verbittert und wollen nicht über den Tod reden. Und manchmal springt der Funke zwischen Patient und Helfer einfach nicht über. Oft sind das aber nur Anlaufprobleme, später sind die meisten Patienten dankbar für die Hilfe. Wie Anna B.: "Ich weiß, ich bin hier gut aufgehoben."

 

Bei ihrer ersten Patientin, einer jungen Frau, die unter Krebs litt, hatte Gaby Weiß-Szpera nicht das Gefühl, der Familie helfen zu können. "Die waren so stark - ich dachte, die brauchen mich gar nicht." Ein Jahr nach dem Tod der Patientin traf sie deren Vater zufällig wieder. "Er hat gesagt: ,Sie wissen ja gar nicht, wie Sie uns geholfen haben.'"

 

Simone Sohl

Waldhofstraße 10

68169 Mannheim

 

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