Christian Frommert, ehemaliger Sprecher des Telekom-Radsportteams, leidet an Magersucht

Im Kampf gegen eine gefährliche Geliebte

Dass er Ana jemals kriegen könnte, hätte Christian Frommert nicht gedacht. Niemals. Bis zum Jahr 2008: Da wird Ana zu seiner Freundin, seiner Geliebten. Es ist eine gefährliche Liebe, eine lebensgefährliche: Sie verbietet dem Kommunikationsberater und ehemaligen Sprecher des Telekom-Radsportteams den Kontakt zu seinen Freunden, zwingt ihn zum Sport, untersagt ihm das Essen. Ana heißt mit vollem Namen Anorexia nervosa - Magersucht.

 

Im Mai 2002 sah Christian Frommert fern: einen ZDF-Dokumentarfilm über den deutschen Ruderer Bahne Rabe. Darin wird geschildert, wie sich der Olympia-Sieger zu Tode hungerte. "Dieser Film hat mich sehr bewegt", sagt Frommert. "Und ich war mir sicher: Wenn ich eines nicht werden kann, dann magersüchtig." Heute wiegt er knapp 48 Kilogramm - bei einer Körpergröße von 1,84 Metern. Kopf und Hände des gebürtigen Bürstädters, der viele Jahre in Bensheim am AKG zur Schule ging und dort 1986 auch sein Abitur baute, wirken zu groß für den schmächtigen Körper, seine Kleider schlabbern. Die einzigen Hosen, die ihm passen, sind Mädchenjeans - in Größe 27. Doch der 45-jährige Frommert wirkt nicht matt, im Gegenteil: Er steckt voller Energie, sitzt nie lange still. Und, auch das fällt auf: Er lacht oft.

Den Tiefpunkt seiner Krankheit jedenfalls hat er schon überwunden: An Weihnachten 2009 fährt Frommert von seinem Bürstädter Elternhaus zurück in seinen damaligen Wohnort Hofheim am Taunus - und kommt die Treppen zu seiner Wohnung nicht hoch. Sein ausgemergelter Körper - er wiegt nur noch 39 Kilogramm - will ihm nicht mehr gehorchen. "Mein bester Freund hat mich dann hochgetragen - das war so demütigend."

 

Ein Erlebnis, das ihn wachrüttelt: Frommert erkennt, dass er Hilfe benötigt. Doch er braucht den Druck seiner Schwester, um den nächsten Schritt zu gehen: zum Therapeuten. Weil sie ihn entmündigen lassen will, muss er sich dem Urteil einer Expertin unterziehen - und die überzeugt ihn, in eine Klinik zu gehen. "Wahrscheinlich hat meine Schwester mir so das Leben gerettet."

Ein Kernsymptom der Magersucht ist ein extremer Gewichtsverlust unter einen Body-Mass-Index (BMI) von 17, der absichtlich herbeigeführt ist - durch Hungern, Erbrechen (Bulimie) oder übertriebenen Sport.

Der BMI wird folgendermaßen errechnet: Körpergewicht (in Kilogramm) geteilt durch die Körpergröße im Quadrat (in Metern).

Bei Magersüchtigen besteht eine Körperschemastörung: Sie empfinden sich stets als zu dick. Bei anderen können sie die Krankheit erkennen.

Betroffene leiden unter panischer Angst vor Gewichtszunahme. In der Folge meiden sie Waagen ganz - oder wiegen sich mehrmals am Tag.

Die Mangelernährung führt zu Eiweißabbau und daher zu Schädigungen in allen Organen; wer länger hungert, leidet oft an Osteoporose. Das Risiko, an Magersucht zu sterben, liegt bei 15 bis 20 Prozent.


"Ich habe mich halbnackt fotografiert, um mich selbst zu schocken. Als ich die Bilder sah, dachte ich: Was wollen die denn alle?"

Im März 2010 kommt er zum ersten Mal in eine Spezialklinik. Dort lernt er wieder, dreimal pro Tag zu essen. Aber der durchschlagende Erfolg stellt sich noch nicht ein: "Außer mir gab es fast nur Mädchen und junge Frauen", erzählt er. "Die Behandlung war auf diese Zielgruppe ausgerichtet. Mit mir waren die meisten Therapeuten überfordert." Zudem lässt ihm sein Arbeitsdrang keine Ruhe: Als Berater von DFB-Manager Oliver Bierhoff gibt es viel zu tun. Im Juni entlässt er sich deshalb selbst aus der Klinik.

 

Ana hat ihn weiter im Griff, und Frommert weiß das. Er findet eine Therapeutin in Frankfurt, Jocelyn Reich-Soufflet, "eine Koryphäe im Bereich Ernährungstherapie", und ist begeistert: "Sie zeigt mir, warum die Dinge sind, wie sie sind." Sie betreibt Ursachenforschung mit ihm, ohne Druck auszuüben. Frommert beginnt, sich selbst zu verstehen.

 

Den Medienhype, den die Doping-Affäre um Jan Ullrich nach sich zog, sieht er als einen Grund von vielen. "Nachdem ich die Suspendierung verkündet hatte, wurde ich von Talkshow zu Talkshow gereicht." Irgendwann wollte er von der unwirklichen Promi-Welt nichts mehr wissen. 2008 kündigte er - und fiel in ein Loch. Frommert beschloss, eine dreimonatige Auszeit in Südafrika zu nehmen. "Dort habe ich meine Selbstzweifel durch Sport verdrängt", erzählt er. Er joggte fünf Stunden pro Tag, schwamm außerdem - und schraubte seine Kalorienzufuhr immer radikaler zurück. Ana hatte ihn verführt.

 

Anfangs aß er vor allem Obst und Gemüse. "Dann erkennt man: Trauben haben zu viel Zucker, Erbsen zu viele Kalorien", zählt er auf. "Am besten sind Papaya und Erdbeeren." Und Joghurt mit 0,1 Prozent Fett. "Aber auch da schaut man auf die Kalorien." Für eine spezielle Light-Limonade fährt er auch mal durch halb Deutschland. Auf dem Tiefpunkt seiner Krankheit nimmt er weniger als 80 Kalorien pro Tag zu sich - weniger als eine kleine Banane. Das hinterlässt Spuren an seinem Körper: Frommerts Haut ist dünn wie Pergament und übersät von kleinen Wunden, die nur schwer verheilen. Sein dichtes Haar fällt aus - jeden Tag bleibt ein größeres Büschel in der Bürste zurück. "Und wenn das Büschel mal kleiner war, dachte ich gleich: Oh Gott, hab' ich wieder zugenommen?"

 

Dass die Ursachen für diesen Wahn tiefer greifen als zum Durchhänger nach der Telekom-Zeit, wird Frommert immer klarer. "Ich war mal richtig fett, mit 18 brachte ich 140 Kilo auf die Waage." Während die anderen vorm Lagerfeuer ihre Jugendlieben im Arm hielten, sorgte Christian Frommert mit seiner Gitarre für den Soundtrack - "bis ich alleine die Glut ansang". Später nahm er dann ab, doch die Angst vorm Dicksein blieb.

 

Auch die Sehnsucht nach Anerkennung hat Frommert tief geprägt. "Ich wurde immer nur über Dritte gelobt. Und ich hatte immer das Gefühl, funktionieren zu müssen." Ständig hörte er: "Wenn das einer schafft, dann du" - Schwäche zeigen war keine Option. Und auch Neinsagen hatte er nicht gelernt: Immer gab er anderen noch mehr, als sie erwarteten. Erst als Ana kam, durchbrach er diesen Kreis: Er flüchtete in Isolation, stieß Freunde und Familie vor den Kopf. "Ich war ein echter Arsch", sagt er heute.

 

Das hat sich wieder geändert. Frommert ist zurück in die Heimat gezogen. Er hat das Lager einer alten Papierfabrik in Bensheim gekauft und ließ es zum Wohnhaus umbauen. "Hier bin ich angekommen", sagt er. Nun lebt er in idyllischer Lage in einem Traum von Haus - mit Heimkino und Wohnküche. Fertig ist es noch nicht: Während eines zweistündigen Besuchs bringen vier Paketzusteller neue Einrichtungsgegenstände. Frommert flitzt geschäftig umher, plauscht mit den Zustellern, bevor er sich wieder Zeit für den Besuch nimmt. "Ich habe Lust auf Leben, habe Lust, wieder Leute einzuladen", sagt er. Doch noch hat niemand im Gästebett geschlafen.

 

Die Menschen in seinem Umfeld freuen sich über jedes Kilo, das er zunimmt. Hören will Frommert das allerdings nicht. Kürzlich rief ihm eine Kassiererin im Supermarkt zu: "Herr Frommert, Sie sehen aber gut aus!" In seinen Ohren heißt das: Du bist wieder dick geworden. "Ich weiß, die Frau hat das gut gemeint", sagt er. "Aber danach hab' ich erst mal zwei Tage nichts gegessen." Dass er zu dünn ist, kann er nicht sehen. Er hat seinen Körper schon mehrmals fotografiert, auf den Bildern steht der Brustkorb hervor, darunter zeichnet sich ein Hungerbauch ab. "Ich wollte mich selbst schocken", sagt er. "Aber als ich die Bilder sah, dachte ich: Was haben die denn alle?"

 

Doch Frommert will kämpfen. Er hat sich entschieden, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen: In der Februar-Ausgabe des Männermagazins "Men's Health" ließ er Auszüge aus seinen persönlichen Aufzeichnungen abdrucken, ließ sich sogar halbnackt fotografieren. "Ich sehe das als Teil meiner Therapie: Wenn ich der Welt von meiner Krankheit erzähle, kann ich sie schwerer vor mir selbst verleugnen." Außerdem will er zeigen, dass Magersucht nicht nur ein "Mädchenproblem" ist: Auch ein 45-jähriger Mann kann ihr verfallen.

 

Noch kann sich Christian Frommert nicht von Ana trennen. Sie zwingt ihn, jeden Morgen ab 4.30 Uhr mit zwei Stunden auf dem Hometrainer zu beginnen. Befiehlt ihm, nur dann zu essen, wenn er vorher alles erledigt hat. Und will, dass er wieder abnimmt - wenn es nach ihr ginge, bis in den Tod. Kürzlich bat ihn seine Therapeutin, zwei Briefe an Ana zu schreiben: einen Abschieds- und einen Liebesbrief. Der Liebesbrief, erzählt er mit einem schuldbewussten Lächeln, war mehr als doppelt so lang.

 


Simone Sohl

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