Das Interview: Autor Uwe Timm spricht über die Aktualität der 68er

„Das System ist so katastrophal“

Uwe Timm liebt die Auseinandersetzung mit der Geschichte, mit der eigenen ebenso wie mit der deutschen als Ganzes. "Freitisch", sein jüngstes Werk, dreht sich um die Frage, was aus den Idealen der 68er geworden ist. Im Interview spricht er darüber, wie sich seine Literatur verändert hat, was er an der heutigen Studentengeneration vermisst - und wogegen es sich aufzulehnen lohnt.

 

 

Die beiden Protagonisten aus "Freitisch" haben sich ganz unterschiedlich entwickelt: Der pensionierte Lehrer setzt sich heute noch mit den 68ern auseinander. Der andere ist Unternehmer geworden und erinnert sich eher ungern. Welcher Figur stehen Sie näher.

Uwe Timm: Was vermuten Sie denn?

 

Dem Lehrer, ganz klar!

Timm: Das ist schon richtig. Aber ich finde auch die Figur des Euler sehr interessant. Er kommt auch aus der linken Bewegung und wollte eigentlich Schriftsteller werden. Jetzt ist er ein begeisterter Segler, will traditionell indisch heiraten - er ist also auch kein angepasster Typ geworden. Das ist doch gerade das Interessante: Was ist aus Menschen und ihren Vorstellungen geworden?

 

Der 68er-Themenkomplex treibt Sie schon seit 1974 um. Haben Sie Ihren Radikalismus durch eine neue Überzeugung ersetzt? Oder sind Sie zum Zyniker geworden?
Timm: (lacht) Also, Zynismus weise ich von mir. Es hat sich eben alles sehr relativiert. Dieser große, revolutionäre Aufbruch hat nicht zu dem Ziel geführt, das wir uns damals gesetzt hatten. Aber insbesondere hinsichtlich der Mentalitäten haben wir viel verändert. Heute denke ich: Man kann ja Fragen stellen, ohne immer gleich Antworten zu geben. So verstehe ich jetzt auch Literatur - anders als noch bei "Heißer Sommer", mit dem ich politisch agitieren wollte. Literatur kann nicht mehr politisch agitieren.

 

Die Schlachten von damals sind heute gekämpft. Sind Sie froh, dass Sie 1968 jung waren?

Timm: Es war eine ganz wichtige Erfahrung: diese Lust, sich selbst infrage zu stellen, sich auf Wege zu begeben, die nicht immer alle abgesichert sind. Bei der jüngeren Generation fällt mir auf, dass sie von einer unglaublichen Vorsicht geprägt ist. Die leben ja fast alle in festen Bindungen. Damals hat man viel mehr experimentiert, auch mit sich selbst, mit Beziehungen. Daraus ist auch eine liberalere Haltung erwachsen, etwa Minderheiten gegenüber.

 

Vielleicht will sich die junge Generation aufgrund der oft prekären Arbeitsverhältnisse ein Stück Sicherheit schaffen . . .

Timm: Ja, vielleicht, aber das könnte ja trotzdem anders sein. Neues zu denken, hängt ja auch damit zusammen, ob man eine gewisse Entdeckungsneugier hat - und die war damals sehr spielerisch und leicht. Die zementierten Verhältnisse wurden aufgebrochen. '68 kamen plötzlich die Mädchen auf einen zu und sagten: "Du, ich möchte mal nen Kaffee mit dir trinken gehen." Die heutige Konstanz dagegen hemmt auch den Mut, andere Dinge anzuschieben. Es ist zwar Kritik da, aber Kritik braucht eben auch Emotionalität und Emphase.

 

Möglicherweise spielt da aber auch eine Rolle, wie Ihre Generation ihre Kinder erzogen hat. . .

Timm: Vielleicht ist da was dran. Die 68er, die ich kenne, haben ihre Kinder zwar sehr liberal erzogen und haben ein absolut freundschaftliches Verhältnis - das Autoritäre fehlt...

 

Aber fehlen da nicht die Reibungspunkte, die eine Generation braucht, um sich aufzulehnen?

Timm: Das ist eben das Problem, dass man das nicht mehr so personalisieren kann wie wir damals. Da gab es noch die ganzen autoritären Köppe, die zusammenzuckten, wenn man mit ihnen diskutieren wollte und denen man ganz schnell argumentativ beikommen konnte. Heute legen die Professoren und Minister einen Ölteppich des Vorverständnisses über alles, und de facto ändert sich nichts. Man kann also nur dieses ganze System infrage stellen. Und das muss man auch!

 

Was wären die konkreten Themen, die den jungen Uwe Timm heute umtreiben würden?

Timm: Vor allem diese schreiende Ungerechtigkeit. Das fängt ganz banal mit den Studiengebühren an und mündet in die Frage, wie diese Gesellschaft aussehen könnte, würde sie nicht ganz unter dem Diktat des Kapitals stehen. Kritik daran erfordert auch viel Arbeit, und zwar eine intellektuelle. Aber es gibt ja diese Ansätze, gegen die Banken vorzugehen . . .

 

Occupy?

Timm: Ja. Man sollte auf mehr Basisdemokratie insistieren und das als Modell nehmen, um Kritik am Finanzsystem zu üben. Das sind ja nicht einzelne Personen, das ist das ganze System, das so katastrophal ist. Das alles treibt mich immer noch um, ich hab mich ja nicht verabschiedet aus der Kritik.

 

Sie kennen den Allgemeinplatz "Wer mit 20 nicht links wählt, hat kein Herz, wer mit 40 noch links wählt, hat keinen Verstand".  .  .

Timm: Das würde dann bedeuten, dass ich keinen Verstand habe.

  • Der 1940 in Hamburg geborene Uwe Timm leitete nach dem Tod des Vaters zunächst das Kürschnergeschäft der Familie, machte dann sein Abitur und studierte in München und Paris Philosophie und Germanistik. Er promovierte über Albert Camus.
  • Die Studentenrevolte erlebte Uwe Timm aktiv mit - und setzte ihr mit seinem Roman "Heißer Sommer" (1974) ein Denkmal. Auch spätere Werke behandeln dieses Sujet, "Kerbels Flucht", "Rot" - oder die Novelle "Freitisch" (144 Seiten, 16,99 Euro).
  • Auch als Kinderbuchautor hat er sich einen Namen gemacht - mit "Rennschwein Rudi Rüssel" (1989).
  • Der in München lebende Timm hat für seine Werke zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter 2009 den Heinrich-Böll-Preis und 2012 die Carl-Zuckmayer-Medaille.

 

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Simone Sohl

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