Eigene Verletzbarkeit als Schlüssel

Was für ein Lachen: Ray Charles reißt den Mund weit auf, zeigt seine großen, weißen Zähne, und in seiner Sonnenbrille spiegelt sich die Tastatur eines E-Pianos. Norman Seeffs Porträt ist eines der bekanntesten von dem großen Soul-Künstler. Es hält nicht nur den Moment fest, es fängt die Essenz von Ray Charles' Persönlichkeit ein. "Er hat mir gezeigt, wie seine Lieder entstehen, hat mich an seinem kreativen Prozess teilhaben lassen", erzählt Norman Seeff. "Von da an habe ich das mit jedem Künstler versucht. Das Shooting war für mich ein Wendepunkt." Zephyr, der "Raum für Fotografie" der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim, zeigt die weltweit erste Einzelschau des international bekannten Fotokünstlers.

Ob Mick Jagger, Tina Turner, Johnny Cash oder Joni Mitchell: Norman Seeff hat fast alle fotografiert, die in der Rock-, Blues-, Soul- und Folkszene der 60er bis 80er Jahre eine Rolle spielten, und bildet so auch ein Stück Kulturgeschichte ab. Dabei fand er erst spät zu seiner Bestimmung: Der 1939 in Südafrika geborene Seeff arbeitete als Arzt. Frustriert von der Apartheid beschloss er mit 29, auszuwandern und in New York Fotograf zu werden. In Zephyr sind auch Fotos aus der Anfangszeit zu sehen: Sie zeigen etwa Patti Smith und Robert Mapplethorpe in verletzlicher Intimität.

 

Frank Zappa und der Kuchen

 

Die Ausstellung zeigt Silbergelatine-Abzüge neben modernen Prints. Zitate des Fotografen definieren die Räume und Fernseher zeigen Videoauszüge von Fotosessions. So erfahren wir, was Seeffs Herangehensweise bestimmt: weniger die Technik als ein Gefühl für Zwischenmenschliches. "Ich muss eine Beziehung zu den Leuten aufbauen", erzählt er bei der Pressekonferenz. Anfangs sei ihm das nicht leicht gefallen. "Ich habe verrückte Dinge ausprobiert, manches ging schrecklich schief - wie die Idee, Frank Zappa einen Kuchen ins Gesicht zu werfen." Was dagegen funktioniert habe: die eigene Verwundbarkeit zu zeigen. "Nur so brachte ich die Leute dazu, mir zu vertrauen."

Auch mit 75 Jahren gelingt ihm das noch spielerisch, das beweist er bei der Pressekonferenz. Er erzählt den Journalisten Anekdoten, als seien sie alte Bekannte, und den jungen Fotografen gibt er Tipps. Kein Wunder, dass Rickie Lee Jones keine Hemmungen hatte, vor seiner Kamera eine Flasche Brandy zu kippen, dass die Blues Brothers tanzten, als würde niemand zuschauen, dass Sly Stone und Kathy Silva wilde Zungenküsse austauschten. "Das ist die große Gabe, die Norman Seeff hat: Er kann Menschen aufschließen", sagt Kurator Thomas Schirmböck.

In vielen Fotos sind technische Hilfsmittel zu finden. Anfangs sei das nicht beabsichtigt gewesen, erzählt Seeff: Bei einer Session mit The Band spiegelte sich der Schirm vom Blitz in der Scheibe. Seeff war unzufrieden, doch dann wurde eins der Bilder zum Plattencover. "Mir wurde oft davon abgeraten, Hilfsmittel zu zeigen", sagt er, "aber ich finde das ehrlich".

Simone Sohl

Waldhofstraße 10

68169 Mannheim

 

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