Feuerstein: "Ich wollte etwas Besonderes werden"

Punkt elf Uhr klingelt das Telefon. "Hier ist der Herbert Feuerstein, pünktlich und zuverlässig", tönt es durch den Hörer - mit dieser angenehmen Sprachmelodie, der die österreichische Herkunft des Entertainers anzumerken ist. Der 77-Jährige kommt am 10. November ins Capitol, um aus seiner Autobiografie "Die neun Leben des Herrn F." zu lesen. Wir sprechen mit ihm - über jugendliche Verwegenheit, katzenhafte Männer und darüber, warum er mit Harald Schmidt nicht befreundet ist.


Sie sind in Ihrem Leben ja schon reichlich herumgekommen. Welche Stadt hat denn den größten Eindruck bei Ihnen hinterlassen?

Herbert Feuerstein: Außer Mannheim, meinen Sie? Hmm, das ist vielschichtig. Shanghai haut einen um, und Tokio überrascht, weil es so organisiert ist. Zu New York habe ich noch viele Bindungen, das ist eine Art Ersatzheimat. Mittlerweile bin ich auch begeistert von Berlin, wo ich eine Wohnung habe. Wien ist meine Kulturmetropole - und dann ist da noch meine alte Heimatstadt Salzburg, zu der ich eine Hassliebe pflege.


Und wo fühlen Sie sich am meisten zu Hause?

Feuerstein: Das ist eine meiner wunderbaren Eigenschaften: Wo mein Bett steht, wo meine Frau wartet, da fühle ich mich zu Hause. Ich bin gerade umgezogen, aufs Land, 40 Kilometer außerhalb von Köln, Richtung Eifel. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich hohe Blaufichten und einen kleinen Froschteich. Das ist altersgemäß.


Beschäftigen Sie sich viel mit dem Älterwerden?

Feuerstein: Ha, warten Sie mal, bis Sie alt sind! Das Gejammere geht doch schon mit 40 los. Das Älterwerden ist ein Fluch - ich kann allen raten, das zu vermeiden, wenn es nur irgendwie geht! Es macht einem Angst, zumal in unserer Zeit der Körper älter wird als der Geist, was so eigentlich nicht vorgesehen ist. Freuen Sie sich nicht auf das Älterwerden!


Schade, ich hatte mir von Ihnen diesbezüglich mehr Gelassenheit erhofft ...

Feuerstein: Nein, Ehrfurcht und Grusel sind angesagt.


Dann sprechen wir lieber wieder über Ihr bisheriges Leben. Ich finde es interessant, dass sich das ganz klar in neun Abschnitte unterteilen lässt ...

Feuerstein: Nun, die einzelnen Stationen sind immer verbunden mit Neuanfängen, mit Ortswechseln. Manchmal auch mit sehr verwegenen wie dem, dass ich mit einem One-Way-Ticket nach New York gezogen bin, der Liebe wegen. Das erscheint einem im Alter unvorstellbar. Ich hab' übrigens auch nie etwas bereut. Manche Lebensabschnitte hatten die Tendenz zur Katastrophe, aber ich hab' immer was dazugelernt. So hatte ich bisher schon neun Leben - so viele, wie normalerweise eine Katze hat. Dabei habe ich nichts Katzenhaftes an mir.


Das ist schön. Katzenhafte Männer sind fürchterlich.

Feuerstein: Ich sehe, Sie sprechen aus Erfahrung. Sie Arme.

Sie haben schon als Musikkritiker, Journalist, Fernsehmoderator und Autor gearbeitet. Was wollten Sie denn als Kind werden?


Feuerstein: Etwas Besonderes! Der Wunsch meiner Mutter war immer, dass ich ein normaler Mensch werde. Und dagegen hab' ich mich gesträubt. Aber einen Traumberuf.. .? Ich würde am liebsten alles wissen und bin unglücklich, dass das Leben zu kurz ist, dass so viele Bücher noch ungelesen sind und so viel Musik noch ungehört...


Wie haben Sie es eigentlich geschafft, in so vielen verschiedenen Berufen erfolgreich zu sein?

Feuerstein: Wenn Sie auch so eine Karriere machen wollen, dann rate ich Ihnen dringend, mein Buch zu lesen. Da verrate ich auch, wie ich mich bei "Schmidteinander" reingeschmuggelt hab' ... Das sind Tricks, die gern nachgemacht werden können.


Wo Sie "Schmidteinander" ansprechen - überwiegen da die positiven oder die negativen Erinnerungen?

Feuerstein: Absolut die positiven. Harald Schmidt hat mir alles beigebracht, was man können muss, um auf der Bühne zu bestehen.


Als Freund haben Sie ihn aber nie gesehen, haben Sie mal gesagt.

Feuerstein: Ich schließe nicht leicht Freundschaften. Das kommt auch durch die vielen Ortsveränderungen. Und es gibt eine alte Regel, die besagt: Wenn man älter als 35 ist, tut man sich schwer damit, Lebensfreundschaften aufzubauen. Nun, mit Harald Schmidt bin ich nicht befreundet, aber es war eine tolle Zusammenarbeit mit viel Respekt füreinander, und ich bin froh für diese kreative Zeit.


Wie fühlen Sie sich denn in Ihrem neunten Leben?

Feuerstein: Ach, es geht mir ja eigentlich viel zu gut. Seit ich hier auf dem Land bin und ein bisschen gärtnere, sind auch die körperlichen Wehwehchen zurückgegangen. Ich hab' das Gefühl, ich hab' hier das Richtige erwischt.


Kommt noch ein zehntes Leben?

Feuerstein: Nein, kein bewusstes. Ich werde einfach immer ein bisschen gelassener. Wenn man wie ich ständig Katastrophen fürchtet, die dann aber doch nicht passieren, denkt man irgendwann: Mein Gott, eigentlich ist es ja immer verdammt gut gegangen.

Simone Sohl

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