Karasek ist nicht zu stoppen

Warmlaufen muss er sich nicht. Hellmuth Karasek betritt die Bühne der bis auf den letzten Platz besetzten Filminsel und legt los: Er dankt dem Publikum, das sich gegen den Fußball entschieden hat - und ist damit schon beim Thema seiner ersten Witze. Es folgen Späße über Politiker, Ehebrecher, Versprecher und Elefanten. Dazwischen streut Karasek Wissenswertes über Freuds Psychoanalyse und Hebels Kalendergeschichten ein - all das in einem schier unglaublichen Tempo.

Zum Einstieg wählt Karasek einen Witz, der vor zwei Jahren entstand - nachdem Robben im entscheidenden Spiel zwischen Bayern und Dortmund vorm Elfmeterpunkt gescheitert war: "Ein Richter sagt zu einem zum Tode Verurteilten: ,Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte: Sie werden morgen früh erschossen. Die gute: Robben schießt.'" Ein Witz, der veralten kann - anders als solche, die Eigenschaften von Politikern herausstellen. Wir hören von der Eitelkeit Helmut Schmidts und dem Draufgängertum Bill Clintons, und nebenbei holt der Literaturkritiker Bücher aus seinem Koffer. Beginnt nun die Lesung? Ach was! Karasek ist ein Entertainer. So einer braucht kein Buch, aus dem er vorliest. Sein eigenes Werk "Soll das ein Witz sein?" bleibt hübsch im Koffer, und Bücher wie Johann Peter Hebels Kalendergeschichten dienen nur zur Deko.
  Seine Freude beim Erzählen macht dem Publikum in Biblis mindestens genauso viel Spaß wie die Witze selbst: Hellmuth Karasek in der Filminsel.
Seine Freude beim Erzählen macht dem Publikum in Biblis mindestens genauso viel Spaß wie die Witze selbst: Hellmuth Karasek in der Filminsel.

Auch der jüdische Witz kommt in Karaseks Programm nicht zu kurz. "Juden sind die besten Witzeerzähler", sagt er. Ein Klischee - aber eines, das er gut untermauern kann. Die Zuhörer lachen herzlich über Karaseks liebsten jüdischen Witz, den ihm Jurek Becker erzählt hat: Ein Sohn verkündet seinem Vater, dass er vom Judentum zum Christentum übertreten will. Dem bekümmerten Vater erscheint Gott und tröstet ihn: "Sei ruhig, das ist mir auch passiert." Der Mann fragt, was Gott dann in dieser Situation gemacht habe. Die Antwort: "Ein neues Testament!"

 

Eigentlich, schiebt Karasek glucksend hinterher, dürfe man über Religion ja keine Witze machen. Doch es gebe noch größere Tabus, Behinderte und Schwerkranke zum Beispiel. Der Journalist erzählt, dass er bei der "Zeit" einmal einen Witz über Epileptiker für die Witzeseite vorgeschlagen hatte - worauf ihn die Chefredakteurin Marion Gräfin Dönhoff zurechtwies. "Seitdem mache ich keine Witze mehr über Behinderte", sagt er reumütig - um im nächsten Moment mit einem spitzbübischen Grinsen hinzuzufügen: "Aber Witze über Stotterer müssen manchmal sein." Es ist dann gar nicht mal der folgende Witz, über den das Publikum so lachen muss; es ist vielmehr die diebische Freude, die Karasek beim Erzählen hat.

 

Wenn sich der Schalk langsam auf seinem Gesicht breit macht, wirkt die Tatsache, dass dieser Mann bereits 80 Lebensjahre vollendet hat, selbst wie ein Witz. Und das ist ihm wohl auch ganz recht so, ist das Alter doch die schrecklichste aller Situationen. Natürlich hat er auch dazu Späße auf Lager. Viele handeln vom Vergessen - doch wenn es das ist, was das Alter definiert, dann dürfte Karasek gerade erst in der Midlife-Crisis angekommen sein. Seine Witze reiht er aneinander wie Perlen auf einer Schnur, ein Stichwort ergibt das andere, ins Stocken gerät er nie.

 

"Witze wirken wie Ventile"

Manche Witze sind auch grausam, die Hauptfiguren bisweilen egoistisch und frauenfeindlich. Lachen muss man trotzdem, und Karasek erklärt auch, warum: "Weil wir mit dem Witz etwas ausleben, was wir im echten Leben nie tun würden. Witze wirken wie ein Ventil." Da ist zum Beispiel der Mann, der für einen Frosch bremst. Das Tier verspricht ihm als Dank, einen Wunsch zu erfüllen. Der Mann möchte, dass sein Hund an einer Pudelshow teilnimmt - doch das Tier hat nur drei Beine und ist auch sonst ziemlich entstellt - der Frosch muss passen. Da wünscht sich der Mann, seine Frau möge Gurkenkönigin werden (ja, Karasek hat sich informiert!). Der Frosch begutachtet die Frau, überlegt kurz und fragt dann: "Kann ich den Pudel noch mal sehen?"

 

Nach einem atemlosen Lauf durch die Welt des Humors ist der Abend schließlich an seinem Ende angekommen. Karasek kündigt seinen letzten Witz an - aber dabei bleibt es nicht, natürlich kommt noch eine Zugabe. Und noch eine. Und noch eine. Hellmuth Karasek ist einfach nicht zu stoppen ...

Simone Sohl

Waldhofstraße 10

68169 Mannheim

 

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