Kunterbunter Denkverkehr

Lesung: Max Goldt zu Gast in der Mannheimer Feuerwache

Wer mit einem Bilderbuch auf Lesereise geht, ist entweder ein bisschen übergeschnappt - oder er heißt Max Goldt. In dem Fall weiß er, was er tut: In den Köpfen seiner Zuhörer lässt er zuerst Bilder entstehen, um sie dann mit pointierten Absurditäten zu untermalen. Ganz ohne technischen Schnickschnack, nur mit der Kraft der Worte. Dass das auch bei seiner Mannheimer Fangemeinde funktioniert, hat der Berliner Schriftsteller bei seinem Auftritt in der gut gefüllten Alten Feuerwache bewiesen.

 

Zu einer wilden, ja konzeptfreien Sammlung von Bildern aus dem deutschen Alltag der vergangenen Jahrzehnte ließ sich Goldt für sein Werk "Gattin aus Holzabfällen" kleine Begleittexte einfallen. Und beim Lesen wie beim Zuhören kommt es zu ähnlichen Reaktionen: ungläubigem Kopfschütteln, leisem Glucksen, lautem Auflachen. "Nackten Kleidung geben" und "Hungernden etwas zu essen geben" steht etwa auf zwei Protestschildern, die eines der Bilder zeigt. Wenn man den Nackten zu essen und den Hungrigen Kleidung gäbe, überlegt Goldt, hätte man noch ein drittes Menschheitsproblem überwunden - Einsamkeit.

 

Um die Ecke denken

 

Das Um-die-Ecke-Denken ist seine Methode, die Kulturkritik sein bevorzugter Gegenstand. Spott und Häme gegenüber allem US-Amerikanischen dürfen da nicht fehlen - wobei man sich bei Max Goldt nie sicher sein kann, ob er vielleicht nur die Klischees in unseren Köpfen aufs Korn nimmt. Nicht nur Bildunterschriften, auch andere Texte liest Goldt mit seinem unverwechselbaren anachronistischen Sprechstil. Dabei schafft er es stets, durch tollkühne Wendemanöver im gedanklichen Straßennetz zu überraschen - indem er etwa versucht, Kritisierenswertes an Loriot zu finden - und sich durch sein Scheitern tief vor dem Verstorbenen verbeugt.

 

Das Einzige, was man Max Goldt nach diesem abendfüllenden Unterhaltungsprogramm vorwerfen könnte, ist eine gewisse Arroganz, mit der er über Kluges und Dummes, Tolerierbares und Verachtenswertes urteilt. Weil er dabei aber eigentlich immer ins Schwarze trifft, bleibt am Ende statt Empörung nur eines auf den Lippen: ein Schmunzeln.

 

Simone Sohl

Waldhofstraße 10

68169 Mannheim

 

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