Mit Vollgas in die Abschiedsparty

Aufwärmen muss sich hier keiner. Das Publikum ist noch heiß von der Vorgruppe, den Sound Generators, und die Jungs von den Irie Révoltés geben von der ersten Sekunde an Vollgas. Mit "Allez", dem mitreißenden Titelsong ihres aktuellen Albums, starten die Heidelberger am Samstag ins wirklich allerletzte Abschiedskonzert ihrer zweijährigen Tour. Und so dynamisch wie der Opener geht es die nächsten 100 Minuten auch weiter: Die "Iries" bringen ihre wütenden politischen Botschaften auf Französisch und Deutsch, auf jeden Fall aber mit viel guter Laune auf die Bühne und verwandeln die ausverkaufte Halle 02 in die größte Hüpfburg Heidelbergs.

Es ist schon bemerkenswert, wie viel Energie in den beiden Frontmännern, dem deutsch-französischen Brüderpaar Pablo "Mal Élevé" und Carlos "Carlito" Charlemoine, steckt. Mal Élevé toastet und singt mit einem Wahnsinnstempo, Carlito sorgt mit Rap-Parts und Soulstimme für Kontraste. Und wenn dann mal einer der sechs Musiker das Ruder übernimmt, wirbeln die Brüder Handtücher durch die brennende Luft und peitschen ihre Bandkollegen an. Ausruhen ist später.


Schlachtrufe gegen Rassismus

 

Auch die Fans sind nicht gekommen, um herumzustehen. Sie springen, klatschen singen bei fast jedem Song lauthals mit. Auch zwischen den Stücken werden sie laut und skandieren linke Schlachtrufe gegen Kapitalismus und Rassismus. "A, Anti, Anticapitalista" rufen die Fans, bis die Band musikalisch einsteigt. Mit ihren Texten gegen Fremdenhass und Homophobie stoßen die politisch und sozial äußerst engagierten Wahlberliner auf offene Ohren und Herzen. Bei "Antifaschist" wird eine Fahne der "Antifaschistischen Aktion" auf der Bühne gezeigt - kein Problem fürs Publikum, man ist ja unter sich.


Und es gibt ja auch genug, gegen das es sich aufzulehnen gilt. Pegida und Co. machen den "fröhlichen Aufständischen" Sorgen - Sorgen, die sie sich gemeinsam mit der brodelnden Menge vom Leib schütteln wollen. Mal aggressiver wie bei dem punkigen "Tout Casser", mal entspannter wie beim reggae-lastigen "Resistencia", das ausnahmsweise mal nicht zum Hüpfen und Tanzen, sondern zum gemächlichen Kopfnicken anregt. Doch wenn die Band gleich darauf bei "Continuer" über die Bühne wirbelt, tobt auch die ganze Halle wieder.

Das Publikum zeigt sich dabei besonders textsicher, sodass Carlito und Mal Élevé mehrmals der ersten Reihe das Mikro überlassen. So müssen sich die Musiker ihr Heimspiel wohl vorgestellt haben. Und als Bassist, Drummer und die anderen Musiker vor der Zugabe einzeln gewürdigt werden, ist es so laut wie selten. Nur der von einigen erhoffte Gastauftritt der Heidelberger Rap-Ikone Toni-L bleibt leider aus.


Dem wilden Abend tut das allerdings nicht den geringsten Abbruch. Bis zu den letzten Zugaben bebt die Halle 02: ein großes Dankeschön-Banner bei "Merci", Stage-Diving bei "Résisdance" und ein Gespringe und Geschreie bei "Aufstehn", das die gerade erst umgebaute Halle in ihren Grundfesten erschüttert.


Irgendwann ist es dann allerdings tatsächlich so weit: "Allez" endet. Aber das Engagement, die gut gelaunte Wut und vor allem die mitreißende Musik der Irie Révoltés hoffentlich noch lange nicht.

Simone Sohl

Waldhofstraße 10

68169 Mannheim

 

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