"Polita" und der 3D-Pionier

Ein Flugzeug. Ein Pferd. Ein Luxusdampfer. Vögel flattern über die Zuschauer hinweg, eine riesige Kobra bäumt sich hinter der Hauptdarstellerin auf, und es lässt sich nicht leicht sagen, was von all dem echt ist und was nicht. Später tobt ein Gewitter über die Bühne, es blitzt und donnert und regnet. Ja: Es regnet. Die Damen im Publikum kreischen auf, als ihre Abendkleider nass werden, dann zücken sie ihre Smartphones, um festzuhalten, was die Kameras ja doch nicht erfassen können: das Spektakel, das "Polita" auf die Bühne bringt. Das wohl erste 3D-Musical der Welt ist in Moskau ein Publikumsmagnet, nun kommt es nach Deutschland - neben München und Stuttgart auch nach Mannheim.

Am 31. Januar gastiert die Show über Pola Negri, die erste Stummfilmdiva Hollywoods, in der Mannheimer Maimarkthalle. Doch noch läuft sie in Moskau im Theater der Russischen Armee, wohin die Tourveranstalter deutsche Pressevertreter eingeladen haben. Damit sie selbst erleben, was das ist, ein 3D-Musical. Der Begriff macht zunächst ja eher ratlos. Sind Musicals nicht generell dreidimensional?

Doch dann öffnet sich der schwere Samtvorhang, und beim Blick durch die 3D-Brille ist schnell klar, was gemeint ist: Solide Musiktheaterkunst fusioniert mit bombastischer 3D-Technik, die wir von Kino-Blockbustern kennen. Und wird komplettiert durch Spezialeffekte wie Regenschauer, Zigarrenrauch und lebende Tiere. Die vierte Wand zum Publikum löst sich auf, weil wir Politas Geschichte nicht nur sehen und hören, sondern auch riechen und fühlen können. So ähnlich müssen sich die Zuschauer der ersten Tonfilme gefühlt haben: Auch ihnen erschloss sich durch erweiterte sinnliche Wahrnehmung eine neue Rezeptionsdimension. Eine echte Sensation, sozusagen.


Experimente mit Saftboxen

Erdacht hat sich das alles der polnische Regisseur Janusz Józefowicz. Er habe eine klare Vision gehabt, erzählt der 55-Jährige im Interview, doch leider keinen Investor gefunden. Also experimentierte er mit Saftboxen, die er vor Bildschirmen abfilmte - um dann sein eigenes Geld in die Entwicklung der Technik zu investieren. Die erste Präsentation in einem Warschauer Kino misslang. "Der Betreiber ließ die Projektorlampe nur zu 50 Prozent laufen", erklärt er. "Viel zu wenig." Józefowicz lernte daraus: Seither kümmert er sich um alles selbst.

Nur um ein Patent für seine Technik hat er sich nicht gekümmert. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich der Einzige bin, der daran arbeitet", sagt er und zuckt mit den Schultern. "Jetzt ist es zu spät." Nach seinem 3D-Erstlingswerk "Polita" feiert in diesen Tagen sein zweites, "Romeo und Julia", Premiere in St. Petersburg. Inzwischen beginnen sich auch Produzenten aus der angloamerikanischen Theaterwelt für die Technik zu interessieren. "Und mit China habe ich auch schon gesprochen."

Zwar ist die Technik teuer - doch sie hat einen großen Vorteil: "Nichts ist mehr unmöglich." Die Figuren können über den Grand Canyon fliegen und mit Riesenschlangen tanzen. Für die Schauspieler ist genau das aber auch die größte Herausforderung: "Ich sehe all das nicht, wenn ich auf der Bühne stehe", sagt Natasza Urbanska, "es ist, als sei ich blind". Die 37-Jährige, die mit dem Regisseur verheiratet ist, spielt die Hauptrolle in "Polita", und auf der Bühne wirkt sie alles andere als orientierungslos: Sie gibt eine ganz bezaubernde Pola Negri. Gespannt sein darf man nun auf ihre Performance in Mannheim: Gesungen wird auf Polnisch, gesprochen aber auf Deutsch - und Urbanska muss ihre Parts erst noch lernen.


Eine unmögliche Romanze

Die Geschichte, die Józefowicz erzählt, rückt bei der Beschreibung des Spektakels zwangsläufig in den Hintergrund. Dabei liefert das Leben der Stummfilmdiva Pola Negri bestes Musical-Material: Józefowicz nutzt den historischen Hintergrund für dramatische Szenen, legt den Fokus aber auf die Liebesgeschichte zwischen Polita und dem Regisseur Ernst Lubitsch. Und so verfolgen wir zwischen Federboas und Fransenkleidern aus den Goldenen Zwanzigern eine große und doch unmögliche Romanze zwischen zwei Karrieremenschen, die den beruflichen Erfolg über alles stellen.

Sie birgt enormes Kitschpontenzial in sich, diese Sicht auf Politas Leben, und beim Griff in seine nigelnagelneue technische Trickkiste kostet Józefowicz das auch voll und ganz aus. Beim Streit zwischen Goebbels und Polita, in Szene gesetzt mit Hakenkreuz-Symbolik und SS-Fackelzug, lässt einen das schwer schlucken. Doch im Ganzen betrachtet bilden Erzähltes und Erzählweise in "Polita" eine überzeugende Einheit.

 

Simone Sohl

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