„Die Nähe macht die Pflicht“

Gibt es eine moralische Verpflichtung, sich an die Vergangenheit zu erinnern? Eine einfache Antwort gibt es auf Fragen wie diese nicht. Bernhard Schlink wagte während seines Vortrags in der Heidelberger Stadthalle dennoch, eine Antwort darauf zu geben: Beim Jahresempfang der Bürgerstiftung Heidelberg philosophierte der Juraprofessor über Moral, Generationsschuld und Unbeschwertheit.

 

Der in der Weststadt aufgewachsene Schriftsteller erinnert sich noch gut daran, wie die Deutschen in seiner Kindheit mit der Vergangenheit umgegangen sind. Es gibt sie noch heute, die Zeugen der damaligen Erinnerungskultur: In Heidelberg etwa weist eine Tafel in der Rathausnische auf die Opfer und die gefallenen Soldaten des Zweiten Weltkriegs hin. "In den Fünfzigern gedachten wir der vertriebenen Deutschen, der verlorenen Gebiete, der gefallenen Soldaten", sagt Schlink. Grundlegend geändert habe sich das erst Ende der 70er Jahre: Seitdem sei der Holocaust die dominierende deutsche Vergangenheit.

 

Dass es Phasen des Vergessens gibt, findet Schlink inzwischen verständlich: direkt im Anschluss an einen Krieg oder traumatische Erlebnisse müsse sich die Bevölkerung auf den moralischen wie materiellen Wiederaufbau konzentrieren. "Erst, wenn es darum geht, eine neue Identität zu schaffen, muss das Vergangene bewältigt werden."

 

Leben im Hier und Jetzt

 

Seine Generation habe ein Bedürfnis danach gehabt, sich mit dem Holocaust auseinandersetzen - war die Elterngeneration doch in diese Geschichte verstrickt. Inzwischen jedoch nehme das Interesse an der Vergangenheit wieder ab, konstatiert der 69-Jährige. "Die heutigen Generationen erleben den Holocaust als Geschichte, die weit zurückliegt", sagt Schlink. Er malt das Bild von Surfern, die stets auf der Jagd nach der perfekten Welle sind - Menschen ohne historisches Bewusstsein, Menschen, die im Hier und Jetzt leben. Und wieder stellt er die Frage: Sind sie moralisch frei?

 

Die Antwort, zu der er schließlich findet, ist dann gar nicht so kompliziert: Eine moralische Pflicht zum Erinnern gibt es immer da, wo Nähe entsteht. Wenn Deutschland mit Israel in Kontakt tritt, schuldet es dem Land die Erinnerung an den Holocaust. Schlink betont, dass das nicht nur für Symbolträger gilt, sondern auch für Touristen. "Meine Studenten, die nach Israel reisen, sind nicht schuldig. Aber sie merken, dass sie den Menschen in Israel oder in Polen nur nahekommen können, wenn sie diese Vergangenheit anerkennen." Nur dann, sagt Schlink, kommt es zu echten Begegnungen.

 

Solange wir uns jedoch mit Menschen umgeben, die ebenfalls nicht an der Vergangenheit interessiert sind, gibt es also keine Pflicht zur Erinnerung. "Die Menschen sind frei, sich nicht zu erinnern", sagt Schlink. Jeder brauche hin und wieder Phasen des Vergessens, eine Art "Ferien vom eigenen Selbst". Als Programm für ein erfülltes Leben reiche das jedoch nicht aus: "Es beraubt Menschen ihrer Verbundenheit."

 

Bei aller Besonnenheit lässt Schlink also keinen Zweifel daran, dass er das Erinnern für notwendig erachtet. Das wirft bei einigen Zuhörern Fragen auf: Das Gedächtnis sei doch sehr unzuverlässig, merkt ein Mann an. Steht das nicht im Widerspruch mit Schlinks Aufruf? Der Vortragende verneint: "Das sind zwei Felder, die sich berühren." Und wer einem anderen nahe sein will, muss anerkennen, was diesen zu seiner Identität gebracht hat.

 

Am Ende findet Schlink eine bewegende Antwort auf die Frage, ob er lieber einer anderen Nation angehören würde. "Deutschlands gute, aber auch seine schwierige Geschichte ist meine Geschichte geworden", sagt er. "Wäre ich nicht Deutscher, ich wäre auch ein anderer Mensch."

Simone Sohl

Waldhofstraße 10

68169 Mannheim

 

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