Sisyphos und andere Arbeiter

Sinnlos scheint sie, ihre Arbeit. Zwei Männer stehen dort, wo die Jungbuschstraße auf die Hafenstraße trifft, an diesem Ort, der zum bunten Stadtteiltreffpunkt werden sollte und der doch vor allem eines ist: informelles Arbeitsvermittlungszentrum für Freiberufler in prekärer Lage. Der eine malt eine weiße Linie in Kreisform auf die Straße, der andere wischt sie wieder weg, mühsam, mit einer schweren Maschine und seinen Händen. Die Passanten können es nicht fassen. "Ey, was macht ihr da? Das bringt doch nix!", ruft einer. Willkommen bei X Firmen!

Als Stadtraumprojekt bietet X Firmen an vier Tagen des Festivals Theater der Welt drei verschiedene Touren an. Wie auch beim Projekt Hotel Shabbyshabby haben die Teilnehmer hier die Möglichkeit, Mannheim aus einer anderen Perspektive zu erleben - nur dass diesmal nicht die urbane Landschaft, sondern das Wirtschaftsleben im Vordergrund steht. Als PR für die sich beteiligenden Firmen soll das Projekt aber nicht verstanden werden, und so können die Teilnehmer zwischen hektischen Irrläufen über Firmengelände und vorsichtigen Erkundungsgängen durch Designermöbel-Ausstellungsflächen auch Blicke auf die andere Seite der Wirtschaft werfen, auf die der Verlierer, der Hinfaller und Wiederaufsteher.


Ein gemalter Arbeitsstrich

Der Platz im Jungbusch ist ein solcher Ort. Es schmerzt, den beiden Bulgaren bei ihrer Sisyphos-Arbeit zuzusehen - doch dann erfahren wir, dass sie einen Stundenlohn von 8,50 Euro erhalten und damit mehr, als sie auf dem Schwarzmarkt verdienen würden. Und ist es wirklich so sinnlos, das zu malen, was Ort ausmacht: den Arbeiterstrich?

Begonnen hat die Tour in der Industriestraße, dieser Straße westlich der Neckarstadt-West, die die meisten wohl nur vom Durchfahren kennen. Die erste Station ist die Firma Betten Rohde; dort wollen Julia Krause und Jens Heitjohann unserer Gruppe eine Audio-Installation mit visuellen Parts zeigen. Auf einer riesigen Matratze hätten wir Eindrücke von der Produktion und der Firmengeschichte erhalten sollen, doch die Technik ist noch nicht so weit.


Also geht es weiter - über zugewucherte Kieswege zur Rückseite von Kahl. Dort erwartet uns Andreas Liebmann, der uns mit Ferngläsern in seine konspirativen Theorien einweiht. Wir wollen hier nicht zu viel verraten, aber die Wörter "Müllmafia", "mutierte Fische" und "synthetischer Sonnenuntergang" sind gefallen. Die großen Firmen im Umkreis haben eben alle was zu verbergen, da ist Liebmann sich sicher. In den Ausstellungsräumen von Kahl erfahren wir dann, was die hypermodernen Büromöbel so alles können: Angela Merkel überwachen, zum Beispiel. . .


Das ist Ihnen zu abgedreht? Warten Sie nur, bis Sie auf dem Gelände der Firma Zengin Ladenbau angekommen sind. Dort erklimmt ein Schlafwandler (Frank Willens) im Nachtkleid Regale und Einkaufswagen und fragt uns am Ende, was eigentlich passiert, wenn Geschäftskonzepte wie das von Schlecker nicht funktionieren.


Gleich nebenan bei der Diakonie wartet der "Internationale Bund" auf uns. Hier finden vier langzeitarbeitslose Suchtkranke wieder den Weg in die Arbeitswelt - wie Hannes, der es geschafft hat, von seiner Heroinsucht loszukommen und der nun in der Schreinerei Insektenhotels baut.


Die Station von "Markus & Markus" liegt versteckt: Durch eine Lücke im Zaun geht's an einem Hühnerstall vorbei in die große Halle von Stoica & Söhne, die bis oben hin voll steht mit alten Matratzen, Stühlen und Geschirr. Der Inhaber verkauft Inventar von Haushaltsauflösungen in seine rumänische Heimat - und Alkoholreste brennt er zu neuem Schnaps. Darauf ein Gläschen!


Zu ihrem fulminanten Ende findet die Tour beim Kieswerk Minthe. Florentina Holzinger und Vincent Riebeek ertanzen sich - ziemlich nackt - das Firmenareal, begleitet von Dance-Beats, Kunstnebel und den Blicken eines Kranführers, der einen goldenen Klotz in den Sand wirft. Das ist schön und obszön, zart und prollig - auch das ist Mannheim.

Simone Sohl

Waldhofstraße 10

68169 Mannheim

 

mail@simonesohl.de