Wechselgesang voller Liebe

Wolf Biermann singt über die Liebe? Der politische, streitbare Liedermacher widmet ein komplettes Konzert dem Glück und dem Kampf der Gefühle? Tatsächlich: Mit seiner Frau Pamela tourt er durchs Land, um ein Album voller vertonter Liebesgedichte vorzustellen, und macht dabei auch Station in Heidelberg. Doch wer nur Lieder über private Freuden und Leiden erwartet, wird überrascht: Das Künstlerpaar singt auch über den Krieg, über Revolutionen und die geliebte Utopie des Kommunismus. Bei Wolf Biermann ist eben auch die Liebe politisch.

Der erste Eindruck von den beiden, rein optisch: ein Gegensatz. Biermann, das "Bühnen-Monster", wie er sich selbst nennt, sitzt auf seinem Hocker - klein, gedrungen, ein wenig zottelig und tapsig, was auch an seinen 77 Jahren liegen könnte. Dann kommt Pamela auf die Bühne, groß und grazil, jung und souverän. "Meine Schöne liefert als idealen Kontrapunkt ihre quellwasserklare Stimme", schreibt der Lyriker im Programmheft. Das trifft es gut: Im Wechselgesang kommen die Lieder erst so richtig zur Geltung.

 

Anders als sonst trägt Wolf Biermann an diesem Abend im ausverkauften DAI keine eigenen Werke vor, sondern Adaptionen von schwedischen, russischen, französischen, englischen und jiddischen Gedichten. "Wir fliegen mit fremden Federn", erklärt er - so lautet auch der Titel seines Buches, in dem er seine Nachdichtungen veröffentlicht. Eine dieser fremden Federn stammt von Jean Baptiste Clément: Im kitschigen Schlager "Die Zeit der Kirschen" singt ein enttäuschter Liebender, dass er sich immer wieder verlieben werde - trotz des drohenden Kummers. "Die Franzosen haben ihn 1871, in der Zeit der Pariser Kommune, kräftig missverstanden", erzählt Biermann. "Sie hörten darin die Aufforderung, sich immer wieder aufzulehnen, auch ohne Aussicht auf Erfolg."

 

Kommunismus als Kinderglaube

 

Er habe sich vor dem Konzert mit Heidelberger Schülern unterhalten, erzählt Biermann, und die hätten ihn gefragt, weshalb er kein Kommunist mehr sei. "Ich habe geantwortet: Weil er ein Kinderglaube an eine Idylle ist, während die tatsächlichen kommunistischen Regimes Höllen erschaffen haben."

 

Aber so ernst bleibt Biermann nicht lange. Wenn er Anekdoten von seiner Begegnung mit Joan Baez erzählt, hängt das Publikum an seinen Lippen, und wenn er beim dadaistischen "Calypso" quietscht und brabbelt, ist der ganze Raum ein einziges Glucksen. Da verwundert der Titel des letzten Stücks: "Glückliche Liebe gibt es nie." Die beiden Biermanns singen vom Liebesleid, aber ganz am Schluss ersetzt Pamela das letzte Wort: "Glückliche Liebe gibt es. doch." Na also!

 

Simone Sohl

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