Wie Smetana, nur schmetternder

Rheinterrassen, November 2009: Im Hinterzimmer des Mannheimer Lokals spielen zehn junge Musiker Balkan-Folklore. Das Publikum sitzt mit Weingläsern an Tischen, die Stimmung ist etwas steif. Doch bald schon nicken die ersten Köpfe im Takt. Nach drei Liedern beginnen ein paar Frauen zu tanzen, neugierige Restaurantgäste kommen hinzu, Kellner steigen auf Tische und tanzen mit, und schließlich steht auch der letzte Gast auf und bewegt sich zur Musik, so gut er kann - er hat eine Krücke. Das Mumuvitch Disko Orkestar hat es wieder einmal geschafft: Der Funke ist übergesprungen, die Leute sind begeistert.

 

"Faszinierend" findet Thilo Eichhorn solche Momente. Wenn er und seine Bandkollegen vor einem Publikum spielen, das mitunter gar keinen Bezug zu ihrem Musikstil hat. Und wenn anfängliche Skepsis dann in Euphorie umschlägt. "Das ist schon unbeschreiblich", sagt der 24-Jährige. Dass er Momente wie diese erlebt, kann sich der Schulmusik-Student auf die eigene Fahne schreiben: Er hat die Band mit dem ulkigen Namen gegründet. Angefangen hat alles ganz unspektakulär: 2008 war sein Semester an der Musikhochschule Mannheim für die Organisation einer großen Party verantwortlich, "und Live-Musik durfte da natürlich nicht fehlen". Da Thilo Eichhorn gerade eine von Wladimir Kaminers berüchtigten Russendisko-Partys in Berlin erlebt hatte, schwebte ihm auch gleich ein Thema vor: Balkan-Beats, "im weitesten Sinne".

 

Vom Spaßprojekt zur Band

 

Schnell fanden sich Kommilitonen, die mitmischen wollten; anfangs waren sie zu viert, am Ende zu zehnt. Vier Stücke brachten sie sich bei, allesamt Cover-Versionen von Hits aus der Balkanpop-Szene wie "Borino Oro" und "Maki Maki" von Goran Bregovic, die sie mit Ska- und Funk-Elementen versahen. Auf der Hochschul-Party kam das super an. In einer Pizzeria in Heidelberg-Kirchheim standen sie Anfang 2009 zum zweiten Mal auf der Bühne. Außer Freunden und sich stärkenden Bikern hörte auch Peter Baltruschat vom Mannheimer KulturNetz zu - und dem gefiel das deutsche Balkan-Orchester: "Er hat uns gleich fürs Stadtfest engagiert", erzählt Thilo.

 

Jetzt hatten die zehn Musiker ein konkretes Ziel vor Augen. Sie erweiterten ihr Programm für den großen Auftritt, sammelten nochmals Bühnenerfahrung im "Rude 7"-Club, nahmen vier Stücke im Studio auf - und irgendwann war klar, dass sie es ernst meinen. "Wir wollten vom Spaßprojekt zu einer richtigen Band werden", so drückt es Thilo Eichhorn aus.

 

Endgültig besiegelt wurde der Entschluss mit dem Stadtfest: "Immer mehr Leute blieben vor unserer Bühne stehen, am Ende waren es unglaublich viele", erzählt Felix Weber und wirkt immer noch erstaunt. Dabei trägt der 23-Jährige einiges dazu bei, dass das Mumuvitch Disko Orkestar eine geradezu magnetische Anziehungskraft entfaltet: Er ist nicht nur Sänger, sondern vor allem Animateur der Truppe. Wenn er mit schwarz-rot gestreiftem Sakko und Goldkette am Bühnenrand steht, seine hellbraune Lockenmähne wild zum Rhythmus schüttelt und die Zuhörer zum Tanzen auffordert, kann sich dem kaum einer entziehen.

 

Dabei hat Felix Weber gar kein Zigeunerblut in sich. Der Schulmusikstudent, der auch Teil eines klassischen Vokalensembles ist, lernt die Texte, die er für Mumuvitch singt, meist über das Gehör. Bei Sprachen wie Kroatisch und Mazedonisch fragt er Bekannte mit entsprechenden Wurzeln nach der richtigen Aussprache, bei seltenen Gypsy-Dialekten wird das schon schwieriger. Dennoch weiß er stets ungefähr, wovon er singt: "Im Grunde geht es immer um Frauen und um Wein!"

 

Weil das Mumuvitch Disko Orkestar aber mehr sein will als eine Coverband, die bekannte Partygaranten in neue Gewänder packt, spielt es auch eigene Lieder. Die Tracks aus der Feder von Thilo Eichhorn und Geiger Phillip Fischer sollen bald auf CD erscheinen. Die Basis bildet meist folkloristischer Gypsy-Sound, aber auch mit Hip-Hop- oder Drum'n'Bass-Rhythmen wird experimentiert. Ob rein instrumental gehalten, mit Gesang von Felix Weber oder Deutschrap von Jonas Ade - Mumuvitch-Musik klingt stets nach Blasmusik im Partykeller, nach Clubsound auf der Festwiese. Oder, wie die Band sich selbst beschreibt: nach Smetana, nur schmetternder!

Simone Sohl

Waldhofstraße 10

68169 Mannheim

 

mail@simonesohl.de